Abba Naor, ein 1928 geborener Überlebender des Holocausts, erzählte den Schülerinnen der Jahrgangsstufen 10 und 11 aus seiner Jugend und den Erlebnissen zur NS-Zeit

Seine Geschichte ist die eines 13-jährigen Jungen, dessen Kindheit mit dem Einfall der deutschen Wehrmacht 1941 zu Ende ging.

Noch heute erinnert er sich an die letzte seiner täglichen Tassen Kakao, die er an dem Tag, an dem er mit seinen Eltern und zwei Brüdern sein Zuhause verlassen musste, zu sich nehmen konnte. Sehr eindringlich erzählte er von unfassbarem Leid, das ihm und seiner Familie angetan wurde. In den ersten drei Kriegsmonaten wurden die Litauer Juden massenweise erschossen oder bei lebendigem Leib in den Synagogen verbrannt. Abba Naor und seine Familie wurden in eines der Ghettos in Kaunas gebracht, wo eine entbehrungsreiche Zeit begann, und sich der 86-Jährige an seine Sehnsüchte, die er als Jugendlicher hatte, erinnerte: „Wie gerne wäre ich in eine richtige Schule gegangen." In der Zeit des Ghettos wurde sein großen Bruder erschossen, weil er für die Familie etwas Essbares besorgen wollte. Man habe gedacht, dass Kinder verschont würden. Ein Trugschluss, denn Kinder, egal welchen Alters, wurden immer wieder Opfer. Zur Verdeutlichung zeigte der 86-Jährige Bilder seiner eigenen Urenkelkinder neben Fotos zeitgenössischer Kinder und fragte: „Und warum? Nur weil diese Kinder eine andere Religion hatten?"
Nachdem auf der Wannseekonferenz die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen worden war, wurden die Ghettos in Konzentrationslager umgewandelt und die Menschen selektiert. Abba Naor wurde in das KZ Stutthof bei Danzig deportiert und sah seine Mutter mit seinem kleinen Bruder an der Hand beim Vorbeigehen durch den Zaun zum letzten Mal. Sie wurden nach Auschwitz gebracht und ermordet. Abba Naor und sein Vater überlebten, weil sie arbeitsfähig waren, und so kam der damals 15-Jährige in eines der Außenlager des KZ Dachau, wo er in Häftlingskleidung und Holzschuhen Schwerstarbeit verrichten und Hunger sowie katastrophale hygienische Verhältnisse erdulden musste. Während ihn die Freundschaft zu vier Leidensgenossen überleben ließ, bedeutete die Schwerstarbeit, die er im Lager Kaufering als 16-Jähriger leisten musste, und zu der er sich, in der Hoffnung dort seinen Vater zu treffen, freiwillig gemeldet hatte, beinahe seinen Tod. Im April 1945 wurde er mit seinen Mithäftlingen auf den Todesmarsch Richtung Bad Tölz geschickt, wo er von den Amerikanern befreit wurde. Unterstützt von schockierenden Fotos betont er, auch die Überlebenden hätten wie Leichen ausgesehen.

 

Die Schülerinnen lauschten der eindrucksvollen Schilderung des Zeitzeugen gebannt und bewegt. Abba Naor zeigte viel Geduld bei der Beantwortung der zahlreichen Fragen. Frau Rustler bedankte sich im Namen der Schulfamilie und stellvertretend für die Fachschaft Geschichte für den Besuch und überreichte noch eine Spende der Schülerinnen für die von Naor unterstützte Organisation der Überlebenden.

Insgesamt war dies ein sehr eindrucksvoller Besuch eines Zeitzeugen, der eine einzigartige Form des Lernens darstellt. Sowohl Schülerinnen, als auch Lehrkräfte sowie anwesende Eltern werden Abba Naor und seine Schilderungen im Gedächtnis behalten.

Christine Rustler